Würden Sie sich sich mit ein bis zwei Wochen weniger Jahresurlaub zufrieden
geben, um den Aufschwung der Wirtschaft in der Bundesrepublik zu fördern?
Laut Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbandes für mittelständische Wirt-
schaft (BVMW), bestünde derzeit eine gute Auftragslage für viele Unternehmen
des Mittelstandes, jede Arbeitskraft würde gebraucht.
Arbeitnehmer sollten daher ihren bezahlten Jahresurlaub zeitweilig um eine
Woche kürzen. Die übrigen Tage könnten auf einem Zeitkonto gutgeschrieben
und bei nachlassendem Beschäftigungsbedarf ”eingelöst” werden.
Ein Vorschlag, der, sofern die Abgeltung des Zeitguthabens im angemessenen
Rahmen auch wirklich funktioniert, vor allem kleineren Betrieben zum Vorteil
gereichen würde, die zeitweilig um ihr Überleben kämpfen müssen.
Im Baugewerbe z.B. hat sich die sog. “Schlechtwetter-Zeit” etabliert, eine Winter-
regelung, die den sinnvollen und effektiven Einsatz der Arbeitskraft ermöglicht.
Eine gewisse Flexibilität von Unternehmern wie auch Arbeitnehmern mag in
wirtschaftlich instabilen Zeiten vonnöten und akzeptabel sein.

Einige große Unternehmen bieten seit längerem sogar ein “Langzeit-Konto” an:
der Arbeitnehmer verzichtet jährlich auf einige Urlaubstage, um die Lebens-
arbeitszeit zu verkürzen und entsprechend früher in den verdienten Ruhestand
gehen zu können. Eine Möglichkeit, die mit Risiken behaftet ist, zumal die Diskus-
sion um das erlaubte Renteneintrittsalter ohne finanzielle Einbußen noch nicht
vom Tisch ist.
Vier Wochen Jahresurlaub wären ausreichend – die deutschen Beschäftigten lägen
ohnehin weltweit in Spitzenposition mit ihrer bezahlten freien Zeit – so äußerte sich
die Vorstandsvorsitzende des Unternehmerverbandes mittelständische Wirtschaft
(UMW), Ursula Frerich.
Ihrer Ansicht nach könne ein Vermindern des Besitzanspruches und eine Ver-
kürzung der bezahlten Urlaubsfreizeit die konjunkturell derzeit eher positive
Tendenz fördern. Sie befürworte die Einführung einer probeweisen Vier-Wochen-
Regelung im Jahr 2011.
Dieser Vorschlag stößt auf Ablehnung von mehreren Seiten: Claus Matecki,
Vorstandsmitglied des DGB (Deutscher Gewerkschaftsbund) hielt dagegen,
die Arbeitnehmer hätten sich in den letzten Jahrzehnten ihren Urlaubsanspruch
hart erkämpft und eher auf Lohnerhöhungen verzichtet, da sie den Effekt einer
längerfristigen Erholung höher schätzten.
Katja Kipping, stellvertretende Partei-Chefin der Linken, verglich den Urlaubs-
Verzicht ohne finanziellen Ausgleich mit einer Lohnkürzung. Von einem “Schlag
ins Gesicht” der Gewerkschaftler und Werktätigen war aus den Reihen der Grünen
die Rede.
Auch wir Frauen vom Netzwerk haben eine Meinung zum Thema.
Zum einen ist die bezahlte Urlaubszeit von dreissig Tagen in Deutschland ohnehin
nicht die Regel, da staatlich nur eine vierwöchige Zeitspanne vorgegeben ist. Wer
in den Genuss einer gewerkschaftlich ausgehandelten 30-tägigen Jahres-Freizeit
kommt, kann sich also ohnehin glücklich schätzen.
Unserer Ansicht nach würde aber ein weiterer Rückschritt auf Kosten der Arbeit-
nehmer die Wirtschaftlichkeit der Unternehmen nicht erhöhen. Eine Angleichung
nach “unten” würde den Unmut der Betroffenen, der bereits aus anderen Gründen
genährt wird, weiter schüren. Immerhin sind die nach vielfältigen Einsparungsmaß-
nahmen verbliebenen Beschäftigten schon jetzt verstärkten Belastungen ausgesetzt,
die letzendlich zu höherem Ausfall durch Krankheit und somit vermehrten Aufwand
für die weiterhin tätigen führen.
Die damit immer häufiger eintretende Überbelastung führt zu einer höheren Fehler-
quote – der Aufbau von Druck und Spannungen zwischen Chefetage und Kollegenkreis
und somit ein negativer Kreislauf beginnt.

Man darf nicht vergessen, dass sich seit der Einführung des Euros die Einkom-
men mittlerweile halbiert haben, die Kosten für Mieten und nahezu sämtliche Preise,
die sich anfangs ebenfalls im Verhältnis ca zwei zu eins reduzierten, haben sich in-
zwischen wieder auf ursprüngliches Niveau erhöht.
Anders ausgedrückt: kostete früher eine Wohnung 360.- D-Mark monatlich,
sind heute mindestens 360 Euro im Monat dafür aufzubringen. Die Relation zu
Ihren Einkünften ist Ihnen bekannt.
Immer mehr Werktätige verlieren mitunter die Freude am Leben, depressive
Verstimmungen mit Folgen bis hin zu chronischer Krankheit, Burn-Out-Syndrom,
Alkoholismus oder sogar Suizid-Gedanken und Amok-Tendenzen treten nun auch
in der Bundesrepublik vermehrt auf.
In einem Staat, in dem derzeit über fünf Millionen erwerbstüchtige Menschen
Lohnersatzleistungen erhalten – sprich ohne festen Arbeitsplatz leben. Der
Vorwurf, sie hätten ja alle gar keinen Willen zum Arbeiten, kann nicht ernst
gemeint sein: in Zeiten, in denen durch Automatisierung und bevorzugten Ab-
schluss befristeter Arbeitsverhältnisse sowie überhöhten Vorbildungsansprüchen
von seiten der Arbeitgeber selektiert wird wie schon lange nicht mehr.
Andererseits kann man dieser Tage auch niemanden mehr verurteilen, der
nicht gewillt ist, seine Kräfte in einem unlohnenden Arbeitsverhältnis zu
verschleudern, wenn er für eine bestimmte Tätigkeit hoch qualifiziert ist.
Sicher können es sich viele kleinere Betriebe, wie z.B. Familienunternehmen
nicht leisten, Angestellte zu halten.
Es ist aber allgemein bekannt, wie gut die oberen Führungskräfte großer Firmen
entlohnt werden und selbst, wenn sie Ihren Aufgaben nicht wirklich gerecht werden,
sprich dem Unternehmen großen wirtschaftlichen Schaden mittels Fehlentscheidung-
en zufügen, bei Ihrem vorzeitigen Rücktritt noch mit großzügigsten Abfindungen reich
beschenkt in den frühen Ruhestand ziehen…
In diesen Zeiten, in denen wieder einmal dermaßen offensichtlich der größte Teil
des in der Bundesrepublik vorhandenenen Geldes auf die Konten einiger weniger
Bürger fliesst, bedeutet eine allgemeine Verkürzung des Jahresurlaubs ohne Aus-
gleich für Werktätige unserer Meinung nach einen weiteren Schritt Richtung Ab-
grund für unsere Wirtschaft, der zudem nicht wirklich gerechtfertigt wäre.
Gerade berufstätige Frauen stehen nach wie vor oftmals unter doppelter Belastung,
sei es als Ehefrau und Mutter oder sogar alleinerziehend. Um den verlangten Standard
schon allein für die Schulausrüstung der Kinder oder die Kosten für den benötigten
Kindergartenplatz zu bestreiten, bedarf es einer möglichst gut entlohnten Tätigkeit.
Um ihre Aufgaben zufriedenstellend erfüllen zu können und nebenher auch noch
die Erziehung von “gesellschaftstauglichen” Heranwachsenden zu bewältigen,
müssten Eltern doch bitteschön auch in diesen für die Unternehmen ”ach so
schwierigen Zeiten” einen ausreichenden Erholungsurlaub in Anspruch nehmen
können, man kann sich nicht endlos verausgaben – ohne negative Folgen.

Es muss ja nicht die Fernreise sein, aber solange die Kinder in einem Alter sind,
in dem sie die Zuwendung der Eltern in der Ferienzeit noch genießen, sollten
doch wenigstens diese wenigen wertvollen Wochen mit Ausflügen und gemein-
samen Aktivitäten weiterhin gewährleistet sein.
Nicht zuletzt wären die Auswirkungen einer allgemeinen Kürzung der Jahres-
freizeit von deutschen Werktätigen ohne finanziellen Ausgleich auf die Reise-
Branche nicht zu unterschätzen, die dem derzeit so hochgelobten Aufschwung
sicher schaden würden…
Wir sind der Ansicht, dass die allgemeine Krisenstimmung, verursacht durch
die geplatzte “Zins-Blase”, schamlos zum Vorteil einiger Unternehmer ausgenutzt
wird, die ohnehin derzeit “am längeren Hebel” sitzen.
Sicher gibt es Industriezweige, die einem starken Konkurrenzkampf ausgesetzt
sind und / oder seit der Einführung des ” Teuro” sowie einer höheren Arbeitslosen-
Quote geringeren Umsatz verzeichnen. Sicher gibt es auch Produkte, die nicht
mehr in früherem Umfang gefragt sind.
Es bleibt aber dahingestellt, ob eine hemmungslose Politik auf Kosten der Arbeit-
nehmer und die Verteilung immer höherer Ansprüche auf immer weniger Kräfte
der richtige Weg sind in die Gesundung unserer Wirtschaft.
Schreiben Sie uns doch Ihre Meinung zum Thema!
Mit besten Grüßen zur Woche,
Ihre Frauen vom
Taffe-Frauen-Netzwerk.de